Ich erinnere mich noch ganz genau an meinen ersten Schultag an der Kreuzgasse. Ich
trug eine weiße Jeggings und mein Lieblings-Shirt.
Dieser Tag war nicht nur mein erster Schultag, sondern auch der letzte Tag, an dem ich
meine beiden Elternteile gemeinsam an demselben Ort erlebt habe.
Herr Ruschmeyer – unser damaliger Schulleiter- hielt an diesem Tag eine Rede, in der er
die wichtigsten Werte unserer Schule vermittelte. Er verbot uns das Mobbing und lehrte
uns, dass Zusammenhalt und Freundschaft wichtiger ist als eine Fünf in Mathe. Damals
verstand ich nicht, weshalb Mathe so schwer sein sollte. Es waren doch nur Zahlen und
höchstens Pizzen, die halbiert werden mussten. Bis ich dann irgendwann selbst nur
noch Fünfen in Mathe schrieb. Woher hätte ich auch wissen sollen, dass auch
Buchstaben einen Wert haben?
Somit wurde ich der Klasse 5A von Frau Meuser und Herrn Nerl zugeteilt. Wer diese
beiden Lehrkräfte kennt, kann sich bestimmt vorstellen, wie feierlich und bunt sowie
sportlich und motivierend meine ersten zwei Schuljahre waren.
Ich kann mich nicht über meine ersten Lehrkräfte an der Kreuzgasse beschweren:
Herr Nerl zwang uns dazu, uns in jeder Unterrichtsstunde zu bewegen, kam immer zu
spät und hatte den leckersten Tee und das beste Frühstück (und Muskeln), um die wir
ihn beneideten. Frau Meuser nannte uns liebevoll „Eumel“ und „Affenärsche“, erzog uns
zu kölschen Jecken und kam ebenfalls immer zu spät.
Meine ersten Lehrer*innen an der Kreuzgasse werde ich mein Leben lang nicht
vergessen. Sie lehrten uns den Zusammenhalt, von dem Herr Ruschmeyer am ersten
Schultag sprach – unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“.
Irgendwann kam ich dann in die siebte Klasse. Die siebte Klasse war für mich der
Höhepunkt der Pubertät. Für uns war diese Phase ziemlich eigenartig, denn wir mussten
sie zuhause in Quarantäne verbringen.
LEUTE ICH DACHTE QUARANTÄNE IST 2 WOCHEN LANG
DANN MÜSSEN WIR DIE GANZEN SOMMERFERIEN IN QUARANTÄNE VERBRINGEN,
WENN DIE ZAHLEN WIEDER HOCH GEHEN
Leute, ich hab Corona
Als Corona sich Anfang 2020 ausbreitete, las ich eine Nachricht im Klassenchat:
„Wir müssen alle wahrscheinlich in Quarantäne, und die Schulen werden
geschlossen“.
Ich nahm diese Nachricht zuerst nicht ernst und lachte nur darüber. Zwei Wochenspäter wurde offiziell bekannt gegeben, dass die Schulen schließen würden.
Hieß das etwa Ferien?
Nein, keine Ferien. Stattdessen hieß es erst mal Zoom-Meeting und dann Teams und
EVA.
In dieser Zeit lernten wir, wie sehr man den Alltag an der Kreuzgasse vermissen konnte.
Selbst die anstrengenden Treppen zu dem Kunstraum von Frau Kügler fehlten uns
plötzlich. Bis heute trage ich das Geheimnis in mir, dass ich während der Pandemie
heimlich die Schule und dessen verbotene Terrasse besucht habe.
Man könnte davon ausgehen, dass die Quarantäne unsere Sozialisierung begrenzt hat.
Hat sie auch. Aber ich habe von Herrn Nerl gelernt, dass man etwas erreichen kann,
wenn man es wirklich möchte. So entstand eine meiner besten Freundschaften
ausgerechnet während der Corona-Pandemie.
Freundschaft. Ein wichtiger Faktor in meiner Schullaufbahn. Freunde spielen eine
zentrale Rolle in der Schule. Sei es bei der Partnerarbeit in Klassenarbeiten, bei der
heimlichen Hilfe in den Tafeltests von Herrn Jürgens oder beim Verschenken von
Pfandflaschen, damit der Mitschüler 50 Cent für einen PickUp aus der Cafeteria
zusammenbekommt. Freundschaft formt die Motivation, Freude und die Sicherheit in
der Schule. Freunde erinnern einen an die Irrelevanz der Fünf in Mathe, welche Herr
Ruschmeyer uns damals erklärt hat.
Natürlich gibt es Höhen und Tiefen, welche ich auch erleben durfte. Ich habe immer viel
gelacht, aber auch oft geweint. Ich möchte nicht zählen, durch wie viele Depressionen
ich während meiner Schulzeit gegangen bin. Doch ich habe gelernt, die Hoffnung auf
eine schöne Zukunft nicht aufzugeben.
Die einzige Hoffnung, die ich aufgegeben habe, ist die Sanierung der Kreuzgasse.
Vielleicht können irgendwann meine Kinder wieder darauf hoffen.
Deshalb haben wir uns dazu entschieden, die Kreuzgasse bei unserem Abi-Gag selbst
zu sanieren.
Nun habe ich mein Abitur in der Tasche. Ich verlasse die Kreuzgasse mit meinen
Mathekenntnissen aus der sechsten Klasse, mit einem C1 Englisch Niveau, einem
immer noch gebrochenen Französisch, einer Aktie aus dem SoWi-Unterricht und einer
Leidenschaft zu Siegmund Freud und Franz Kafka (Psychos).
Besonders tief verankert bleiben jedoch meine Erlebnisse an der Kreuzgasse:
Das Rundlauf-Spielen mit der ganzen Klasse, während Frau Knauer denkt, wir seien auf
der Toilette, der fälschliche Amokalarm, der uns alle erschreckte, die Klassen- und LK-
Fahrten oder mein Lachen über die unlustigen Witze von Herrn Averdick.
Hiermit nimmt meine Zeit an der Kreuzgasse ein bittersüßes Ende.
Jeder von uns ist nun zu einer wunderschönen Sonnenblume herangewachsen.
Liebe Kreuzgasse, vergiss uns nicht, denn wir werden dich niemals vergessen

