Gesundheit ist politisch – Wer entscheidet über globale Gesundheit?

Die WHO zwischen medizinischem Fortschritt, politischem Einfluss und internationalen Machtverhältnissen.

Ebola-Ausbrüche in Westafrika, Ärztemangel in Malawi, ungleicher Zugang zu Medikamenten oder Impfstoffen in vielen Teilen der Welt: Globale Gesundheit umfasst weit mehr als einzelne Krankheiten. Sie beschreibt die Frage, wie Gesundheit weltweit organisiert, finanziert und geschützt wird. 

Eine zentrale Rolle spielt dabei die World Health Organization (WHO), die 1948 als Sonderorganisation der Vereinten Nationen gegründet wurde. Ihr Ziel ist es laut eigener Verfassung, dass alle Menschen den „höchstmöglichen Gesundheitszustand“ erreichen können. Ihre Rolle ist nicht Krankenhäuser selbst zu betreiben, sondern internationale Gesundheitspolitik zu koordinieren. Heißt: Standards setzen, Staaten beraten, Daten sammeln, Pandemien beobachten und Gesundheitsprogramme unterstützen.

Die WHO ist also keine Weltregierung für Gesundheit, sondern eine Koordinations- und Beratungsinstitution. Und genau hier entsteht ihr Problem: Sie soll global führen, ist aber abhängig von Staaten, Geldgebern und politischer Kooperation.

Internationale Fortschritte und Erfolge 

Einer der größten Erfolge globaler Gesundheitspolitik ist die Ausrottung der Pocken. Die WHO hat ab 1959 ein weltweites Programm koordiniert, das später verstärkt wurde. Die Pocken gelten als die einzige menschliche Infektionskrankheit, die die Menschheit weltweit ausrotten konnte.  Auch bei Polio gab es enorme Fortschritte: Seit dem Start der globalen Ausrottungsinitiative 1988 sind die Fälle um mehr als 99 % zurückgegangen. 

Wichtig zu erwähnen ist, dass dies nicht allein ein Erfolg der WHO, sondern auch von Staaten, UNICEF, Impfprogrammen, besserer Ernährung, sauberem Wasser und medizinischem Fortschritt war. Die WHO ist aber Teil dieser globalen Infrastruktur.

Zwischen Wissenschaft und Geld – wer finanziert globale Gesundheit?

Die WHO finanziert sich hauptsächlich aus zwei Hauptarten von Beiträgen. Die Pflichtbeiträge, also feste Beiträge der Mitgliedsstaaten, welche auch frei nutzbar sind und freiwillige Beiträge. Diese kommen von Staaten, Stiftungen und anderen Geldgebern. Sie sind zweckgebunden, also für bestimmte Programme reserviert. Genau hier liegt ein wichtiger Kritikpunkt. Wenn ein großer Teil des Geldes zweckgebunden ist, kann die WHO nicht völlig frei entscheiden, welche Gesundheitsprobleme sie priorisiert. Studien zeigen, dass freiwillige Beiträge in den vergangenen Jahren einen sehr großen Teil der WHO-Finanzierung ausmachten. 

Große Geldgeber und Einfluss

Große Geldgeber können durch zweckgebundene Finanzierung indirekt beeinflussen, welche Themen besonders viel Aufmerksamkeit bekommen. Das heißt nicht automatisch, dass diese Programme schlecht sind. Aber es stellt die Frage: Wird globale Gesundheitspolitik nach medizinischer Dringlichkeit gesteuert oder danach, wofür Geld verfügbar ist? 

Man kann also sagen: Wer zahlt, entscheidet zwar nicht offiziell, kann aber Prioritäten verschieben.

Reform der Finanzierung

Die WHO arbeitet derzeit jedoch an einer Reform. Die Mitgliedsstaaten haben beschlossen, die festen Pflichtbeiträge schrittweise zu erhöhen, damit die Arbeit unabhängiger und planbarer finanziert werden kann. Ziel ist es, die WHO weniger abhängig von zweckgebundenen Geldern zu machen.

Nord–Süd-Gefälle und Abhängigkeiten 

Viele Länder des Südens haben schwächere Gesundheitssysteme, weniger Laborkapazitäten, weniger Impfstoffproduktion und weniger Verhandlungsmacht. Dadurch sind sie in Krisen stärker abhängig von Importen, Hilfsprogrammen und Entscheidungen reicher Staaten.

Während wohlhabende Staaten eigene Forschungszentren, Pharmaunternehmen und Produktionskapazitäten besitzen, sind zahlreiche Länder Afrikas, Teile Südasiens oder Lateinamerikas stärker auf Importe und internationale Unterstützung angewiesen. Dadurch entsteht eine strukturelle Abhängigkeit.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die lokale Produktion von Medikamenten und Impfstoffen. Dieses Problem findet man weltweit. Viele Staaten besitzen keine eigenen oder geringe Produktionskapazitäten. In Krisen kann dies zu Lieferengpässen und Abhängigkeiten führen. Deshalb muss regionale Produktion von Impfstoffen und der Aufbau von lokaler Pharmaindustrie gestärkt werden. Und das nicht nur in westlichen Ländern. 

Wir müssen dafür sorgen, dass medizinische Fachkräfte eine angemessene Ausbildung erhalten und den Beruf allgemein attraktiver gestalten. Die Investitionen in eigene Forschung und Labore dürfen wir auch nicht außer Acht lassen. 

Die COVID-19-Pandemie zeigte uns jedoch nicht nur die globalen Ungleichheiten, sondern auch Kritik an der WHO selbst. Ihr wurde vorgeworfen, zu langsam reagiert zu haben oder zu stark von Informationen einzelner Staaten abhängig gewesen zu sein. Gleichzeitig zeigten diese Vorwürfe aber auch ein strukturelles Problem: Die WHO besitzt nur begrenzte Macht und ist auf die Zusammenarbeit ihrer Mitgliedsstaaten angewiesen. Sie kann Empfehlungen aussprechen aber die Staaten nur eingeschränkt zum Handeln verpflichten. 

Pharmainteressen

Auch Pharmaunternehmen spielen in der globalen Gesundheitspolitik eine Rolle. Sie sind diejenigen, die Impfstoffe und Medikamente entwickeln und große Summen in Forschung investieren. Sie verfolgen jedoch im wirtschaftlichen Sinne eigene Gewinninteressen. Dadurch entsteht eine Verbindung beziehungsweise ein Spannungsfeld zwischen Gesundheit als Menschenrecht und Medizin als Marktprodukt.

Man konnte diese Unterschiede gerade während der Covid-Pandemie sehen. Viele Industriestaaten konnten schon sehr früh große Mengen an Impfstoffe sichern und ihre Bevölkerung impfen, während ärmere Staaten deutlich später Zugang erhielten. Die WHO sprach damals von einer Impfstoffungleichheit („vaccine inequity“) und warnte vor einer ungleichen globalen Gesundheitsordnung. Kritiker forderten deshalb mehr Technologietransfer, regionale Produktion und eine gerechtere Verteilung medizinischer Ressourcen.

Die andere Seite

Trotz den Problemen unserer globalen Gesundheitspolitik und der ganzen Kritik, darf nicht vergessen werden, dass viele internationale Gesundheitsprogramme ohne die Finanzierung wohlhabender westlicher Staaten, Stiftungen und Forschungseinrichtungen kaum möglich wären. Impfkampagnen, Notfallhilfe oder die Entwicklung neuer Medikamente benötigen enorme finanzielle Mittel. Das Ziel sollte also nicht sein, westliche Unterstützung zu ersetzen oder gar abzuschaffen, sondern sie gerechter und unabhängiger zu gestalten.

Die WHO ist und bleibt eine der wichtigsten Institutionen der globalen Gesundheitspolitik. Ihre Erfolge, von der Pockenausrottung bis zu internationalen Impfkampagnen, zeigen ihre Bedeutung und ihre Wichtigkeit. Gleichzeitig offenbaren Finanzierung, Machtverhältnisse und globale Ungleichheiten, dass Gesundheit längst nicht nur medizinisch, sondern auch politisch ist. Und vor allem wirtschaftliche Interessen verfolgt.

 Die Frage ist daher nicht, ob die WHO gebraucht wird. Die eigentliche Frage lautet: Wie kann globale Gesundheit gerechter organisiert werden, damit medizinische Versorgung weniger vom Geburtsort und stärker vom tatsächlichen Bedarf abhängt? 

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