Zwei Perspektiven auf den Nahostkonflikt
Im Schatten der geopolitischen Spannungen und des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Israel und Palästina existieren persönliche Geschichten, die oft übersehen werden. Dieser Artikel öffnet ein Fenster zu den Erfahrungen zweier Menschen, einer Palästinenserin und einem Israeli. Durch ihre Arbeit wollen sie nicht nur ihre eigene Perspektive teilen, sondern auch Brücken zu Verständnis und Dialog bauen.
Jouanna Hassoun
Mit sechs Jahren floh Jouanna Hassoun, Tochter palästinensischer Flüchtlinge, aus dem Libanon nach Deutschland. Davor war ihr Großvater im Jahr 1948 aus dem historischen Palästina in den Libanon geflohen, um der Unruhe zu entkommen. Leider konnte er nicht zurückkehren und die Familie blieb im Libanon, wo Jouanna im Flüchtlingslager aufwuchs. Trotz ihrer Lebenserfahrungen betrachtet sie sich bis heute als Palästinenserin und nicht als Libanesin. Jouanna ist Geschäftsführerin von Transaidency, Sozialmanagerin und zudem psychologische Beraterin.
Shai Hoffmann
Im Jahr 1949 zog Shais Großvater nach Israel, wo auch Shais Mutter geboren wurde. Shai selbst kam in Berlin zur Welt und wuchs dort auf. Dennoch verbrachte er oft Sommerferien in Tel Aviv, Israel. Mit der Zeit vertiefte er sein Interesse am Nahostkonflikt und reiste in die West Bank, um Kontakt mit Palästinensern aufzunehmen, die unter israelischer Besatzung leben. Shai, Sozialunternehmer und Aktivist, hat in diversen Projekten Erfahrungen in der Projektentwicklung gesammelt. Als “Sinnfluencer” verbreitet Shai Bildungsvideos und setzt sich dafür ein, dass sie den Weg in Schulen finden.
Wie kamen Sie auf die Idee, die “Trialoge” zu gründen?
Jouanna: Ich habe mich in meinem Leben intensiv mit dem historischen Palästina, der Gründung des Staates Israel, der Nakba, dem Holocaust und der Schoa auseinandergesetzt, um mir ein umfassendes Bild von diesem Konflikt zu machen. Ein besonderes Ereignis war, als ein Schüler mit einer Palästina-Flagge zur Schule kam und es zu einer Auseinandersetzung mit einem Lehrer kam. Genau solche Situationen möchte ich vermeiden und zu einem friedlichen Miteinander inmitten dieses polarisierenden Themas beitragen. Schüler speichern sich vieles aus ihrem Umfeld und den Medien ein. Darüber muss gesprochen werden, denn Gewalt ist keine Lösung.
Welche persönlichen Verbindungen pflegen die “Trialoge” zu Palästina und Israel?
Jouanna: Natürlich habe ich eine traumatische und beängstigende Zeit durchlebt und als Kind viel vom Konflikt mitbekommen. Dennoch habe ich immer eine starke Verbindung zur Kultur gehalten, sei es durch die Küche, die Sprache oder die Kleidung. Meine Identität ist und bleibt palästinensisch.
Shai: Natürlich empfinde ich großes Mitgefühl für die Palästinenser, insbesondere nach meinen Besuchen in der West Bank. Ich versuche mich in die Perspektive der Palästinenser zu versetzen. Wir sind alle nur Menschen.
Wie sehen Sie die Rolle von Dialog und Kommunikation im Friedensprozess?
Beide: Für uns ist der Dialog der einzige Ausweg und unvermeidlich. Ein Austausch von Meinungen und Verständnis sind Schlüsselkomponenten in diesem Friedensprozess. Wir setzen auf Diplomatie. Gewalt ist nicht die Lösung, um in diesem Friedensprozess fortzuschreiten.
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Region, welche gleichzeitig auch eine Herausforderung für Ihre Arbeit ist?
Beide: Eine der bedeutendsten Herausforderungen besteht zweifellos in den eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten über den Konflikt. Das verdeutlicht uns auch immer wieder die Notwendigkeit unserer Arbeit. Die stark polarisierte Informationsflut, die uns hier aus der Region erreicht, ist eine erhebliche Hürde. Ein weitverbreitetes Phänomen ist die Verbreitung von Falschinformationen durch diverse Netzwerke, was eine bedeutende Lücke und Herausforderung in unserer Arbeit ist. Insbesondere Schülerinnen und Schüler sind hiervon stark betroffen. TikTok-Videos, die versuchen, den gesamten Konflikt in nur 30 Sekunden zusammenzufassen, kann man nicht ohne weiteres vertrauen.
Welche Hoffnungen haben die Trialoge für die Zukunft des israelisch-palästinensischen Konflikts?
Shai: Bei den Gesprächen in den Schulen betonen wir immer die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander. Selbstverständlich sind wir keine neutralen Menschen. Beide haben wir eine Vergangenheit mit verschiedenen Perspektiven und Meinungen. Beispielsweise habe ich auf die Frage (s. u.), warum die IDF so brutal gegen die Palästinenser vorgeht, während die Hamas sehr sensibel mit Geiseln umgeht, geantwortet, dass die Hamas die Geiseln ja noch braucht. Aber ich möchte betonen, dass das nur eine mögliche Erklärung dafür ist.
Welche Fragen hören Sie am häufigsten von Schülern?
Jouanna: Die am häufigsten gestellte Frage ist, wer zuerst in der Region war und wem das Land ursprünglich gehörte.
Shai: Eine häufig gestellte Frage lautet auch, warum die IDF (israelische Verteidigungs-Streitkräfte) so brutal gegen die Palästinenser vorgeht, während die Hamas sehr sensibel mit Geiseln umgeht.
Bleiben Sie bei Ihren Gesprächen immer neutral oder geben sie auch Ihre eigene Meinung wieder?
Jouanna: Der Konflikt hat einen erheblichen Einfluss auf die Bildungschancen der Schüler. Unüberlegte und sogar gefährliche Äußerungen könnten dazu führen, dass Schüler ihre berufliche Laufbahn oder sogar ihr Leben beeinträchtigen. Andere Schüler oder Personen in ihrem Umfeld könnten sie zu Handlungen verleiten, die problematisch sein könnten.
Shai: Gerade in solchen Situationen ist Dialog so wichtig.
Gibt es abschließend noch etwas, was die Trialoge uns gerne noch sagen würden?
Jouanna: Es ist wichtig, dass wir uns alle intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen, viel lesen und recherchieren. Es ist genauso wichtig, Dinge zu hinterfragen und nicht alles zu glauben, was wir in den sozialen Netzwerken lesen und sehen. Wir sollten uns ein eigenes Bild von der Situation verschaffen und dabei neutral und ohne Vorurteile vorgehen.
Shai hat das Interview mit einem Zitat von der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer beendet:
„Es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut. Nur menschliches.“
Abschließend möchte ich betonen, wie inspirierend und erkenntnisreich dieses Interview mit Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann war. Die Offenheit, mit der sie ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten geteilt haben, eröffnete einen tiefen Einblick in die menschliche Seite des israelisch-palästinensischen Konflikts. Das Interview hat nicht nur neue Perspektiven geschaffen, sondern auch meine Überzeugung gestärkt, dass der Dialog und das Streben nach Verständnis entscheidend sind, um den Friedensprozess voranschreiten zulassen. Es war eine privilegierte Gelegenheit, diese faszinierenden Menschen zu treffen und ihre Perspektiven zu hören. Autor: Ahmed Z.


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