Nach dem Pogrom  

Zwei Schüler unserer Schule, ein jüdischer und ein muslimischer, haben ihre Perspektive auf die Geschehnisse im Nahen Osten mit uns geteilt. Um heftige Reaktionen zu vermeiden, sind beide Artikel anonym veröffentlicht. Wir bitten alle Leser*innen, beide Kommentare zu lesen.  

Warum muss man Israels Selbstverteidigung rechtfertigen?  

Am Samstag, den 7. Oktober, stieg ich früh in Paris am Gare du Nord in einen Thalys, der mich zurück nach Hause bringen sollte. Ich verbrachte die drei Stunden mit Lesen, Malen und Langweilen – ohne zu wissen, was etwa 2.970 km Luftlinie weiter weg passierte. 

Als ich mittags zu Hause ankam, sprang ich in die Arme meines Vaters, den ich eine Woche nicht gesehen hatte. Doch dann merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Und da sagte mein Vater etwas, das ich nie vergessen werde: „Krieg in Israel“. Mir blieb die Luft weg, in meinem Kopf stiegen Bilder auf. Bilder von Angst, Gewalt, Terror, Hass, der auf mich einströmte. Bilder von der Shoah. Mein Vater erzählte uns, was passiert war: der barbarische Angriff der Hamas, der in den frühen Morgenstunden so unbemerkt seinen Anfang nehmen konnte. Erzählte von den Massakern und Gräueltaten in den Kibbuzim im Süden Israels, erzählte von den Raketen und von den Geiseln. 

In den folgenden Tagen verfolgten wir mit wachsender Furcht – wenn das überhaupt noch ging – die immer weiter steigende Zahl der Entführungs- und Todesopfer, die schnell über tausend wuchs. 

Auch jetzt noch, mehrere Wochen nach dem Beginn dieses Krieges, haben wir Angst. Große Angst. Angst, die nächsten Opfer dieses Judenhasses zu sein – wie die jüdische Gemeinde in Berlin, die mit Molotowcocktails beworfen wurde, oder wie der ermordete Lehrer in Arras, Frankreich. 

Und dann frage ich mich, was die anderen fühlen? Merken sie überhaupt, dass der Angriff der Hamas, nicht nur ein Angriff gegen Israel, sondern auch ein Angriff auf die ganze demokratische Welt ist? Mit der Hamas steckt der Iran unter einer Decke, der Iran paktiert mit Russland und China. Diese Länder, die sich weigern, den Terror der Hamas zu verurteilen, sind alle Diktaturen und Gegner Europas. Sollte uns das nicht zu denken geben? 

Und ich frage mich, warum man die Selbstverteidigung Israels überhaupt rechtfertigen muss? Ist es nicht klar, dass ein angegriffenes Land sich verteidigen darf, soll, sogar muss? Es ist doch die Pflicht eines Staates, seine Bevölkerung zu retten und zu verteidigen. Nach dem grausamen Massaker vom 7. Oktober ist klar, dass der Gazastreifen nicht in der Gewalt der mörderischen Hamas bleiben darf. 

Die Hamas ist eine Terrororganisation – der Bundestag und andere europäische Parlamente haben das schon vor vielen Jahren festgestellt. Viele glauben, die Hamas kämpfe für einen eigenen palästinensischen Staat. Tatsächlich aber sagen sie nicht nur ganz offen, dass sie Israel vernichten wollen, sondern drangsalieren auch die eigene Bevölkerung im Gazastreifen. Am 7. Oktober haben sie sogar Suhaib Abu Amr, einen Palästinenser aus Ostjerusalem, umgebracht. Wohl wissend, dass er Palästinenser war, nur weil er als Busfahrer bei dem israelischen Musikfestival war, dessen Teilnehmer sie abgeschlachtet haben. 

Immer wieder und insbesondere jetzt benutzt die Hamas die eigene Bevölkerung als menschliche Schutzschilde für Raketenabschussrampen und unterirdische Verstecke. Sie legen es geradezu darauf an, in ihrem Kampf gegen Israel viel zu viele Opfer zu produzieren, um mit den Bildern von Elend ihre Propaganda zu machen. Es macht mich wütend, dass viele Menschen hier in Deutschland immer wieder auf diese verbrecherische Taktik hereinfallen und der Propaganda Glauben schenken. 

Dabei sollte man gerade in Deutschland wissen, dass die Beseitigung eines verbrecherischen Regimes, das ein Land so fest im Griff hat wie einst die Nazis Deutschland, leider nicht ohne zivile Opfer möglich ist. Im Zweiten Weltkrieg haben Amerikaner und Briten Deutschland flächendeckend bombardiert. Unsere Befreiung hat 3,81 Millionen deutschen Zivilisten das Leben gekostet.  

Waren die Alliierten schuld? Nein, die Nazis! Sind die Israelis schuld? Nein, die Hamas! 

Ich frage mich, was man von Israel eigentlich erwartet? Stellen sich die Leute vor, die israelische Armee könne die Hamas-Terroristen in ihren Wohnungen verhaften wie ein Polizeikommando einen Einbrecher hops nimmt? Oder wollen viele etwa gar nicht verstehen, dass dies ein Krieg ist, in dem Israel um seine Existenz kämpft? Sobald es um Israel, dem einzigen jüdischen Staat in der ganzen Welt, geht, wird jeder Fehler aufgebläht: Die Kritik ist unverhältnismäßig. Warum? Ich fürchte die Antwort auf diese Frage ist ziemlich schrecklich. 

Nein, ohne Fehler ist Israel nicht. Wo gibt es Menschen, die ohne Fehler sind? Aber diese aggressive Kritik, die im Augenblick überall ertönt, hat Israel nicht verdient.  

Und wir Juden haben es nicht verdient, schon wieder Angst haben zu müssen! 

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